Der Pöllwitzer Ablaßbrief

Vor 650 Jahren wurde der Pöllwitzer Ablaßbrief bestätigt
von Günther Schmutzler

aus "Thüringenpost" Ausgabe vom 26.06.1996


Inhalt



Einleitung

Blick von der "Bauernseite" auf die alte Wehrkirche (Federzeichnung von Fritz Degenkolb, Hohndorf
Blick von der "Bauernseite" auf die alte Wehrkirche
Federzeichnung von Fritz Degenkolb, Hohndorf
Die erste schriftliche Nachricht über die Existenz einer Kirche in Pöllwitz stammt aus dem Jahre 1340. Die in lateinischer Schrift abgefaßte Urkunde ist im Original vorhanden und wird im Pfarrarchiv Pöllwitz aufbewahrt. Es handelt sich um einen Ablaßbrief, der am 21. November 1340 von einem Erzbischof und zehn Bischöfen in Avignon (Provence, Südfrankreich) für die Pfarrkirche zum Heiligen Nikolaus in Bedelwitz in der Naumburger Diözese ausgestellt wurde.

Christianisierung brauchte Zeit

Der östliche Teil Thüringens war zu dieser Zeit sorbisches Siedlungsgebiet und dünn besiedelt. Während die Landnahme durch fränkische und thüringische Bauern etwa um 1300 als abgeschlossen gilt, brauchte die Christianisierung ihre Zeit, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen: Als nämlich 1122 in Plauen die Kirche gegründet wurde, wies der Bischof von Naumburg dem neu eingesetzten Pfarrer die Aufgabe zu, die Einwohner "noch völlig vom heidnischen Irrtum zurückzubringen und vollständig auf den Weg der Wahrheit zu führen". Und im Göschitzer / Rödersdorfer Ablaßbrief, der am 20. November 1340, einen Tag vor dem Pöllwitzer Ablaßbrief in Avignon ausgestellt ist, heißt es immer noch: "... im Gebiet der Ungläubigen."

Allmählich wurde die sorbische Bevölkerung an den christlichen Glauben herangeführt, und schließlich vermischte sie sich mit den neu hinzugekommenen Siedlern. Mit der Christianisierung kam aber auch die Unterwerfung. Die frühesten Kirchengründungen hatten dadurch ganz selbstverständlich unter Übergriffen der ansässigen Bevölkerung zu leiden, und schon deshalb war ein gewisser Schutz geboten.

Kirchturm diente als Schutz

Der wehrhafte Turm der ehemaligen Wallfahrtskirche in Pöllwitz - in der Überlieferung auch Sorbenturm genannt - hatte eine solche Schutzfunktion. Er ist der älteste Teil der Kirche und vermittelt eine gute Vorstellung vom Aufbau einer Turmkirche aus der Zeit der Christianisierung. Im Erdgeschoß befindet sich der gewölbte Kirchenraum (Chorraum). Ein Zugang über dem Chorraum in Höhe des Langhausbodens unterstreicht noch den Charakter des Wehrturmes. Das aufgesetzte, ausladende und jetzt beschieferte Holzbohlengeschoß ähnelt noch heute vielen erzgebirgischen und siebenbürgischen Wehrkirchen. Erst mit dem Anwachsen der Gemeinde wurde ein größeres Gotteshaus notwendig. Was lag näher, als den neuen Kirchenbau an den bestehenden Wehrturm anzubauen?

Was hat es aber mit dem Ablaßbrief auf sich? Unter Ablaß verstand man die Tilgung begangener Sünden durch Bußübungen oder auch Geldzahlungen. Die Gläubigen jener Zeit lebten in der Furcht, nach dem Tode im Fegefeuer für ihre Sünden büßen zu müssen. Der Ablaß, den die Kirche gewährte, bedeutete ein "Ablassen" - ein Nachlassen / Erlassen - der im Fegefeuer zu erwartenden Qualen. Man unterschied den "vollständigen" Ablaß, das heißt die Aussicht, dem Fegefeuer gänzlich zu entgehen oder einen zeitlich "begrenzten".

Ablaß entwickelte sich zum Handel

Dieses Ablaß(un)wesen hatte zeitweise gewaltige Auswüchse angenommen. Sehr häufig wurde Ablaß denen gewährt, die an bestimmten Festtagen, etwa dem Kirchenweihtag, eine bestimmte Kirche besuchten oder zum Kirchenbau Geld spendeten. Schließlich entwickelte sich daraus ein ganz schnöder Handel: Gegen die Zahlung einer gewissen Geldsumme konnte man den Erlaß von kirchlichen Sündenstrafen erlangen und sich so vor dem Fegefeuer schützen beziehungsweise die Verweilzeit im Fegefeuer verkürzen. Die weit verbreitete Angst vor diesen jenseitigen Qualen veranlaßte viele Menschen, den Ablaß in Anspruch zu nehmen, und das brachte der Kirche viel Geld ein.

Unübersehbar ist jedoch die Fülle der Ablässe (Ablaßbriefe), mit denen Klöster und Kirchen und auch einfache Kirchen ausgestattet wurden. Es herrschte ja die Ansicht, man könne sich von den Sünden selbst freikaufen und damit einen sicheren Platz im Paradies erwerben.

Sicher wird auch der Erwerber des Pöllwitzer Ablaßbriefes, Ludwig von Geblewitz - wahrscheinlich der damalige Besitzer des Ritterlehns in Pöllwitz - so gedacht haben, wie es auf dem Pergament festgehalten ist: "erworben für das Heil seiner Seelen".

Dem Heiligen Nikolaus geweiht

Als Fuhrmannskapelle (dem Heiligen Nikolaus geweiht) und später als Wallfahrtskapelle im Waldgebiet an dem Verbindungsweg Weida - Döhlen - Weißendorf - Pöllwitz - Bernsgrün - Plauen gelegen, kam ihr sicherlich eine wichtige Funktion im weiten Umkreis zu.

Einen Einblick über die Bedeutung dieses Kolonistenstützpunktes bei der Verbreitung des neuen Glaubens vermittelt der Inhalt des Pöllwitzer Ablaßbriefes, der im wesentlichen besagt, daß die ausstellenden Bischöfe allen Besuchern der Pfarrkirche zu Bedelwitz einen Ablaß von 40 Tagen gewähren für alle auferlegten Kirchenstrafen und Bußen, wenn sie an Stiftungstagen sowie an den Festtagen die Kirche besuchen, oder zum Beten kommen, zu einer Wallfahrt, zur Teilnahme an einer Messe, einer Früh- oder Abendpredigt oder einer anderen gottesdienstlichen Handlung kommen oder wenn der Leib Christi oder das Heilige Öl zu den Kranken getragen wird, auch wenn sie beim Abendläuten kniefällig drei "Ave Maria" sprechen. Auch wird denen Ablaß versprochen, die zum Bau, Schmuck oder Geleucht dieser Kirche etwas beisteuern, ebenso denen, die in ihrem Testament Gold, Silber, Schmuck, Kleidung oder andere Gaben der Kirche zuwenden und letztlich vermachen oder den Friedhof der Kirche besuchen, um dort für die Seelen der Verstorbenen zu beten oder dortselbst ihr Begräbnis bestellen.

Nach sechs Jahren erst gebilligt

Erstaunlich ist es schon: Erst fast sechs Jahre später, am 19. Juni 1346, bestätigte der Naumburger Bischof Wittigo II. den Ablaßbrief mit dem Hinweis "auch wir ... billigen und soweit es uns von Rechts wegen zusteht, unterschreiben im Namen Gottes vorstehenden Ablaß und gewähren gleichermaßen allen Christusgläubigen die wahrhaft reuig sind und beichten und etwas von dem oben Gesagten erfüllt haben, auf die Gnade des allmächtigen Gottes und das Ansehen der Heiligen Apostel Petrus und Paulus vertrauen, 40 Tage Ablaß von den ihnen auferlegten Bußen gnädig im Herrn".

Wenn man aus heutiger Sicht geneigt ist, die Praktiken zu verurteilen oder mit Unverständnis zu reagieren, so muß man immer auch die Gefühlswelt und Denkweise der Menschen unter den damaligen Lebensverhältnissen in Betracht ziehen. Erst mit der Reformation konnten das Ablaßwesen selbst und die damit verbundenen Auswüchse abgeschafft werden.

Der Mönch als Marktschreier

Um 1500 war der Ablaßhandel für die römische Kirche zu einer Einnahmequelle allerersten Ranges geworden. Vor allem durch das marktschreierische Auftreten des päpstlichen Ablaßpredigers, des Dominikanermönchs Johann Tetzel (1465 bis 1519), wurde der Ablaßhandel gefördert und in alle Gegenden des katholischen Landes gebracht. Der Volksmund hatte die Parolen Tetzels bereits in eine gereimte Form gebracht: "Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel springt."

Diesem Gedanken, daß der Mensch am Tage des Jüngsten Gerichtes seine Sünden nicht angerechnet bekommt, trat Martin Luther auf das Schärfste entgegen. Er lehrte, daß der Mensch nur durch Gottesgnade seiner Sünden ledig werden könne. Reformator Luther stellte deshalb kritische Fragen, wandte sich gegen die Praktiken und verfaßte 1517 seine bekannten, in lateinisch verfaßten 95 Thesen über den Ablaßhandel. Am 31. Oktober schlug er sie an das Tor der Wittenberger Schloßkirche.

Die Thesen fanden - sehr zur Verwunderung ihres Verfassers - einen ungeheuren Widerhall. Sie wurden ohne Luthers Zutun ins Deutsche übersetzt und gedruckt, und binnen weniger Monate waren sie damals im ganzen "Heiligen Römischen Reich deutscher Nation" bekannt.


Die Veröffentlichung dieses Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Herrn Günther Schmutzler 2001.
Der Text wurde für das Internet aufbereitet von Michael Hadlich, Nürnberg, im Dezember 2001.
www.poellwitz.de