Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Eisenbahn

von Günther Schmutzler

aus "Thüringenpost" Ausgaben vom 1., 2., 11., 15., 19., 26. und 29. 11. 1994


Inhalt



Einleitung

Vor 111 Jahren wurde die Bahnverbindung Mehltheuer-Weida/Altstadt in Betrieb genommen. Die Einwohner des Fürstentums Reuß ältere Linie wurden damals durch eine Bekanntmachung im "Fürstlich Reuß-Plauischen Amts- und Verordnungsblatt" darüber informiert. "Bekanntmachung! Der Betrieb der am heutigen Tage eröffneten Teilstrecke Mehltheuer-Altstadt-Weida der Mehltheuer-Weidaer Secundäreisenbahn erfolgt nach Maßgabe der Bahnordnung für deutsche Eisenbahnen untergeordneter Bedeutung vom 12. Juni 1878. Demzufolge findet Bahnüberwachung und Schließen der Niveauübergänge nicht statt; dagegen sind Locomotiven mit helltönenden Läutewerken ausgerüstet und die Locomotivführer angewiesen, das Läutewerk bei der Annäherung des Zuges oder einzeln fahrender Maschinen an einen in gleicher Ebene mit der Bahn gelegenen Übergang in Tätigkeit zu setzen und bis nach Passierung des Überganges darin zu erhalten. Im Interesse des die Bahn passierenden Publikums und des öffentlichen Verkehrs im allgemeinen erachtet man es für zweckmäßig, das Publikum über die neue Einrichtung zu verständigen und zur Beobachtung erhöhter Vorsicht und Aufmerksamkeit beim Passieren der fraglichen Übergänge aufzufordern. Greiz, den 15. November 1883 - Fürstlich Reuß-Plauisches Landrathsamt"

Wenn auch nicht spektakulär, so trug die Bahnverbindung doch zur wirtschaftlichen Entwicklung der Region bei.

Nicht nur für die an dem landschaftlich reizvollen Fahrweg gelegenen Städte Weida, Triebes, Zeulenroda und Pausa brachte das Gewerbe Aufschwung und führte die klein- und mittelständischen Betriebe zur wirtschaftlichen Blüte, sondern auch ländliche Gemeinden profitierten im Laufe der Zeit von dieser technischen Neuerung.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war in unserer Gegend wie auch anderwärts durch eine schnelle, starke und zuweilen überstürzte Entwicklung der Industrie gekennzeichnet. Auch das ländliche Gebiet wurde von der Industrie erobert - das 658 Einwohner zählende Doppeldorf Pöllwitz gehörte dazu. Die Grundstückspreise für die zu errichtenden Fabriken lagen bedeutend günstiger als in den Städten, und außerdem fand man im Landbewohner eine sehr billige Arbeitskraft.

Hatte sich bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts der Fracht- und Reiseverkehr unserer Heimat ausschließlich auf der Landstraße mit einer Stundengeschwindigkeit von zirka fünf Kilometern und einem Ladegewicht von etwa 20 bis 25 Doppelzentnern für ein zweispänniges Pferdefuhrwerk bewegt, so sollte jetzt eine Meile in zehn Minuten zurückgelegt werden.

Die Bauern unserer Gegend standen den Eisenbahnbau-Plänen anfangs zum Teil ablehnend gegenüber, befürchteten sie doch, in erster Linie die Zerstückelung ihrer Fluren durch die geplante Streckenführung. In Pöllwitz beispielsweise wurden an Landbesitzer insgesamt 4448 Taler, fünf Groschen und elf Pfennige Entschädigungsgelder für die zum Eisenbahnbau benötigten Parzellen ausgezahlt.

Nicht übersehen werden darf, daß durch die Eisenbahn den Landfuhrleuten eine mächtige Konkurrenz erwuchs, die zum allmählichen Verschwinden eines alten Berufszweiges beitrug. F. Reinhold zitiert in seinem Beitrag "Landfuhrmann und Eisenbahn" ein Fuhrmannslied, das die neuen Verhältnisse der damaligen Zeit beklagt:
"Wer hat denn nur den Dampf erdacht,
die Fuhrleut' um das Brot gebracht?
Wir sind jetzt wahrlich übel dran,
der Teufel hol' die Eisenbahn!"

Viele Fuhrwerkswagen zwischen den Ortschaften wurden weniger. Billige Baumstämme aus dem nahegelegenen Böhmen, aber auch aus dem fernen Finnland, erreichten nun unseren Ort und verschlechterten gleichzeitig die Verwertung der in greifbarer Nähe liegenden Wälder.

Gründe für Zustimmung und Ablehnung aus der Bevölkerung gab es sehr viele, und sie waren ebenso vielfältig wie verschieden. Als die Dampfwagen die Postkutsche zu überrunden begannen, wurde viel Erheiterndes zu diesem Thema berichtet: "Ich will keine Eisenbahn in meinem Lande. Ich will nicht, daß jeder Schuster und Schneider so rasch reisen kann wie ich", äußerte sich einst König Ernst August von Hannover. Vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. sind ähnliche Äußerungen überliefert.

Das Obermedizinkollegium des Bayernkönigs Ludwig meinte in einem Gutachten, die Eisenbahn werde bei Reisenden und Zuschauern schwere Gehirnerkrankungen zur Folge haben. Und wieder andere kamen aus dem Staunen nicht heraus, als zur ersten Bahnfahrt von Dresden nach der "Weintraube" von Kötzschenbroda im heutigen Radebeul zum Beispiel 600 Billets verkauft worden waren. Dazu hätte nämlich der gelbe Eilwagen der Pferdepost zwischen Leipzig und Dresden nicht weniger als 217 Beiwagen der Kutsche benötigt. Aber auch alte Leute waren verblüfft, die weit aus den Dörfern herbeigekommen waren. Sie standen da und konnten die Sache, von der solange die Rede gewesen war, nicht begreifen und nicht enträtseln.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts kam dann auch unsere engere Heimat in eine erste Berührung mit dem neuen Schienenweg. Die Strecke Leipzig - Reichenbach - Plauen - Hof entstand zwischen 1841 und 1851 und tangierte unsere Gegend. Nach der Fertigstellung der sogenannten "Oberen Bahn" war die Station Mehltheuer der nächstgelegene Bahnhof. Es wird überliefert, daß damals Kinder mit "Hundefuhrwerken" den Botendienst zwischen Zeulenroda und Mehltheuer aufrechterhielten.

Aber auch in Zeulenroda bemühte man sich seit den 60er Jahren um einen Bahnanschluß. So tauchte hier 1864 vom Verein für Handel und Gewerbe das erste Bahnprojekt auf. Schließlich brachte der Dresdener Ingenieur Heßler ein Finanzkonsortium in Berlin zusammen für den Bau der Bahnstrecke Mehltheuer - Weida (Altstadt) mit vorwiegender Streckenführung im Triebestal. Am 12. Juni 1872 kam es in der Nähe von Pausa zum ersten Spatenstich. Vorausgegangen war am 25. April eine Streckenbegehung unter der Leitung des Geheimen Finanzrates Major Wilke der Königlich-Sächsischen Staatsregierung. Während die Bahnhofsanlage für Pausa keine Beanstandung erfuhr, war das für Pöllwitz fraglich; zumindest wurde aber eine Holzverladestelle für erforderlich gehalten.

Die damals schnell aufstrebende Industrie erkannte den Wert der Bahnverbindung nur zu gut. Der schnellere und billigere Warentransport gestattete selbstverständlich größere Konkurrenzfähigkeit. Der Reiseverkehr rangierte erst in zweiter Linie und spielte für ihre Überlegungen eine untergeordnete Rolle. Der Arbeiterberufsverkehr wurde zunächst von den Unternehmern gar nicht in Ansatz gebracht, weil die spätere Entwicklung kaum geahnt wurde und für jene Zeit auch noch nicht von unmittelbarem Interesse war. Die Arbeitnehmer erkannten aber zeitig den Vorteil der Bahn für einen künftigen Berufsverkehr. Sie versuchten ja auch außerhalb des Ortes Arbeit zu finden.

Eine Reise mit Humor

Die gesamte Strecke wurde erst 1883 fertig, nachdem zwei Privatunternehmer dabei bankrott gegangen waren und die Bahn schließlich vom Sächsischen Staat übernommen und zu Ende gebaut worden war (Siehe Festschrift "Hundert Jahre Mehltheuer - Weidaer Eisenbahn").

Die Strecke im Triebestal schloß die größeren Gemeinden Pöllwitz, Triebes und Hohenleuben an das Schienennetz an. Durch die günstige Lage erfuhr vor allem Triebes einen enormen Aufschwung. Aber auch Pöllwitz nahm in den Folgejahren eine starke wirtschaftliche Entwicklung.

Wohl kaum eine Eisenbahnstrecke entstand unter solchen Schwierigkeiten wie diese Talbahn und trotzdem, so Wolfgang Theilig in "Geschichte der Zeulenrodaer Eisenbahnlinien": "Wer genug Humor besaß, konnte sich an dem Gedanken erfreuen, bei einer Bahnfahrt von 75 Minuten und 34 Kilometern fünf Ländergrenzen zu überfahren und vier Bundesstaaten zu berühren. Vom Königreich Sachsen in Mehltheuer kam man nach der Reußischen Station Bernsgrün, von da nach dem wiederum Sächsischen Pausa, überfuhr dann wieder die reußische Grenze nach Pöllwitz und Zeulenroda ...; danach kam die Reußisch jüngere Linie mit Triebes und Reichenfels, und dann nahm das Großherzogtum Sachsen-Weimar den Reisenden für den Rest der Strecke bis Weida auf."

Die Eröffnungsfeier fand am 15. November 1883 in Mehltheuer statt. Aus diesem Anlaß fuhr der Eröffnungszug von Zeulenroda nach Mehltheuer und anschließend nach Weida-Altstadt. Gefeiert wurde im "Goldenen Löwen" in Zeulenroda.

Zehn Bahnüberquerungen (Straßen und Feldwege) befinden sich im Flurbereich von Pöllwitz. erst nach und nach wurden beschrankte Bahnübergänge geschaffen. Über hundert Jahre lang gab es auf diesen Überwegen keine nennenswerten Unfälle, obwohl gerade in den Tagen des zweiten Weltkrieges ein außerordentlich dichter Zugverkehr in kürzesten Abständen mit Kreuzungen in Pöllwitz und Pausa herrschte.

Nicht im Traum wäre es damals jemandem eingefallen, eine geschlossene Bahnschranke zu öffnen oder beim Herannahen eines Zuges oder einer Lokomotive noch schnell den Bahnübergang zu überqueren. Kein Geschirrführer brachte leichtsinnig seine Zugtiere und Gefährte in Gefahr, er setzte auch nicht leichtfertig seine Lebensgrundlage auf das Spiel.

Was hat sich aber zu heute verändert? Fast wöchentlich verunglücken unvorsichtige Menschen an Bahnübergängen. Auch im unmittelbaren Flurbereich von Pöllwitz ist es in diesem Jahr zur Pkw-Kollision und in den zurückliegenden Jahren zu tödlichen Verkehrsunfällen gekommen. Wieviel mehr Disziplin zeigten dagegen Bauern, Geschirrführer und alle Anwohner zum Beginn der Eisenbahnzeit und in den folgenden Jahren!

Die wirtschaftliche Entwicklung der an der "Strecke" liegenden Orte wurde schon nach kurzer Zeit sichtbar. Der Bahnbau brachte wirtschaftlichen Aufschwung im bisher fast ausschließlich von Land- und Forstwirtschaft geprägten Bauerndorf Pöllwitz.

Das Gebiet um den Bahnhof herum wurde zuerst von Gewerbe und Industrie belebt. Am 14. Oktober 1886 begründeten die Holzhändler Carl Heinrich Hädrich und der Zimmermann Franz Louis Hänse, beide aus Gera, gemeinsam ein Holzhandelsgeschäft unter der Firmenbezeichnung Hädrich & Co. Bald folgte der Bau einer Schneidemühle mit Kessel- und Maschinenhaus. Die Offene Handelsgesellschaft expandierte weiter und firmierte schließlich als "Hädrich & Co. Pöllwitz Reuß ältere Linie Dampfsäge- und Hobelwerke".

Stickereien von Otto Geilert (1907) und Paul Eckardt (1913) folgten. Ein weiteres Stickereigebäude entstand 1914 im oberen Dorf durch Hermann Steiger; außerdem richtete er in seinem Wohnhaus eine Gaststube ein.

Gerhard Geyer baute ein Wohnhaus mit Gasthof und Café, später folgten noch Dampfbäckerei, Werkstatt- und Strickereigebäude. Am 19. Januar 1922 wurde die Firma "C. H. Max Jacobi Herstellung und Vertrieb von Metallgeweben" ins Handelsregister eingetragen. Sitz und Produktion waren in Pöllwitz.

1924 ließ sich ebenfalls in der Nähe des Bahnhofs der Handelsvertreter Fritz Buschhorn nieder: Feuerlöschgeräte, Motorspritzen aller Größen, Hochdruckschläuche, Handdruckspritzen sowie Ausrüstung für Feuerwehren bot er an.

Am 27. November 1925 wurde die 1911 gegründete Firma "Heinrich Enke" von Zeulenroda nach Pöllwitz verlagert - ein bedeutender Hersteller von Fräsmaschinen, der später mit Weltspitzenleistungen aufwarten wird. Damit war das Gewerbegebiet - so würde man es heute bezeichnen - restlos vergeben.

Die Entwicklung hat sich aber nicht nur auf dieses Territorium beschränkt. Im Ort selbst hatte der Gastwirt und Holzhändler Wilhelm Gleißner die Mahl- und Schneidemühle samt Ziegelfertigung erworben. Am 31. Januar 1910 gründete er zusammen mit seinen Söhnen Emil, Otto und Albin, sämtlich in Pöllwitz, die Offene Handelsgesellschaft "W. Gleißner & Söhne". Als Geschäftszweig wird der Betrieb einer Dampfmahlmühle mit Sägewerk und Holzhandlung angegeben. Durch die Holzhandel-Konkurrenz im Ort beflügelt, wurden 1911 die alten Ziegeltrockenscheunen, der Brennofen und die alte Schneidemühle abgebrochen und an gleicher Stelle ein neues Sägewerk mit Kessel errichtet. Im Mai 1917 wurde die OHG in Firma "W. Gleißner Söhne" umbenannt, nachdem Wilhelm und Emil Gleißner ausgeschieden sind. Ab 25. April 1918 führte der Fabrikant Otto Gleißner das Geschäft unter unveränderter Firma als Alleininhaber weiter; Albin Gleißner war durch Tod ausgeschieden.

Nun beginnt eine stürmische und großzügige Bautätigkeit auf der südwestlichen Anhöhe hinter dem Dorf an der Bahnlinie Weida - Mehltheuer. Es scheint so, als ob an alles gedacht wurde!

Neben dem seit 1917 bestehenden Holzlagerplatz und Kreissägengebäude entsteht ein leistungsfähiges Sägewerk. Ein weithin sichtbares Fabrikgebäude mit einer Grundfläche von 1500 Quadratmetern und einem dazugehörigen Fabrikgrundstück als Holzlagerplatz von fast 1,5 Hektar Fläche wird in kurzer Zeit aus dem Boden gestampft; daneben entstehen ein massives Kessel- und Maschinenhaus, eine Sägemühle mit Gatterbetrieb, eine Hobelei und ein erweiterter Kreissägenbetrieb. Und das Wichtigste: Das riesige Fabrikareal hat ein eigenes Anschlußgleis mit Weiche, Waage und weiterverlaufender doppelter Gleisspur mit beidseitiger großen Seiten- und Kopframpe. Die Fabrikanlage ist damit äußerst frachtgünstig angelegt.

Pöllwitz wird Porzellanstandort

Die Gebäude der Firma "W. Gleißner Söhne, Porzellanfabrik in Pöllwitz-Reuß" Schon 1919 erwirbt die Firma "W. Gleißner Söhne Dampfsäge- und Hobelwerke in Pöllwitz/Reuß" Bauplätze für Wohnhäuser auf der Pausaer Straße.

Kaum ist das Sägewerk richtig in Betrieb, werden bereits erneut weitreichende Pläne geschmiedet und schließlich auch in Angriff genommen. Es wird der Bau einer modernen Porzellanfabrik begonnen. Alles was dazu gehört, entsteht: Von der Mühle über die Tonaufbereitung, Kapseldreherei und Gießerei, Glasiererei bis hin zur Schmelze, Druckerei/Malerei einschließlich Werkstätten aller Gewerke, wie Tischlerei, Schlosserei und Schmiede sowie Formboden- und Modelleinrichtung. 5330 Quadratmeter umbaute Arbeitsräume entstehen, umgeben von einem 30725 Quadratmeter großen eingezäunten Fabrikgrundstück.

Die Fabrik ist als geschlossener Bau im Jahre 1922 mit zwei Brennöfen in Betrieb gegangen. 1923 hat sich der Betrieb um zwei weitere Öfen vergrößert. Alles Fachpersonal wird aus der Porzellanregion Selb/Wunsiedel angeworben. Zu ihrer Unterbringung werden ein Sechs-Familienhaus und ein Doppelhaus in der Pausaer Straße, ein Beamtenhaus in der Ortsmitte und eine Villa unmittelbar am Fabrikgrundstück zusätzlich errichtet. Eine völlig neue Landwirtschaft vervollständigt diese neuzeitliche Immobilie.

Kohle kommt aus Sachsen und Böhmen und die Porzellanrohmaterialien von Zettlitz, Wunsiedel, Börtewitz, Halle und so weiter.

Die Pöllwitzer Porzellanfabrik bietet vielen Einwohnern Arbeit und jungen Leuten Ausbildungsmöglichkeiten bis hin zur Porzellanmalerei. Es wurden Tafel-, Kaffee- und Teeservice sowie Teller und Tassen hergestellt. Das Pöllwitzer Porzellan war weithin bekannt. In manchen Haushaltungen in Pöllwitz und Umgebung findet man sicher noch heute Erzeugnisse aus der damaligen Zeit. Noch in den 50er Jahren gab es interessierte Anfragen aus den USA nach diesem Porzellan. Ein besonders schönes Teeservice befindet sich im Städtischen Museum in Zeulenroda.

Die Konjunktur dauerte auch in Pöllwitz nur wenige Jahre an

Nur wenige Jahre reichte die Konjunktur. Zunehmend geriet das Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten. 1924 stand die Firma "W. Gleißner Söhne, Porzellanfabrik Pöllwitz/Reuß" unter Geschäftsaufsicht und mußte deshalb verkauft werden. Am 31. Dezember 1924 schied die Firma dann aus dem Verband der Porzellan- und Geschirrfabriken aus.

Die Holzhandlung mußte ebenfalls veräußert werden.

Die neuen Besitzer, der Kaufmann Alfred Köhler aus Dresden und der Kaufmann Gustav Alborg aus Berlin-Charlottenburg, gründeten am 9. Januar 1925 die Firma "Porzellanfabrik (Reuß)". Der Betrieb wurde allerdings mehr treuhänderisch verwaltet als unternehmerisch betrieben. Die Fabrikation wurde auch von diesem Unternehmen nur noch kurze Zeit fortgeführt, bis sie endgültig stillgelegt wurde.

Die Gesellschaft "Porzellanfabrik Pöllwitz GmbH" wurde erst auf Beschluß vom 21./23. April 1936 aufgelöst. Die Liquidation war am 27. September 1938 beendet.

Die Gebäude der ehemaligen Porzellanfabrik wurden schon 1936 von der Firma "Vogel & Co., Werkzeugmaschinen- und Gummistrickwaren OHG " (der Rohbau), und der ehemalige Sägewerksbetrieb von der Firma "Albin Fleischer Sägewerk und Holzhandlung" übernommen.

Beide Betriebe, ebenso wie die Firma Friedrich Enke am Bahnhof, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet und gingen in das Eigentum des Volkes über.

Die Firmen wurden 1948 gelöscht. Das Sägewerk ging in die Rechtsträgerschaft des damaligen Landkreises Greiz über, und die beiden Maschinenfabriken kamen zur "Vereinigung volkseigener Betriebe Maschine und Elektro Ostthüringen" in Gera.

Der Bahnverkehr in Pöllwitz hatte eine positive Entwicklung genommen. Der 25. Bericht der Handelskammer für das Fürstentum Reuß ältere Linie verweist 1903 auf 7561 abgefertigte Personen, davon 5088 einfache Fahrkarten aller Art und 2473 Rückfahrkarten. Dazu kamen noch 49 Hundekarten. An Eilgut kamen 15 Einheiten zum Versand und acht wurden empfangen, beim Frachtstückgut waren es 80 und 85 Stück. Das Wagenladungsgut hatte die größte Entwicklung genommen: 6228 Waggons verließen den Bahnhof, 3462 wurden empfangen. Im Geschäftsjahr 1911 weist der 32. Handelskammerbericht zum Eisenbahnverkehr einen erheblichen Zuwachs aus. An Fahrkarten wurden für Zugereiste 19271 ganze und 709 halbe gezählt, für Abgereiste 19072 und 354, dazu kamen 76 Hundekarten.

Die Monatskarten und Beamtenkarten betrugen 38 für Zugereiste und 2880 für Abgereiste, bei Zeit- und Schülerkarten waren es acht und 560.

Die Bahnpost sicherte schnelle Zustellung. Früh mit dem ersten und abends mit dem letzten Zug in beiden Richtungen verließ die Post das Dorf. Ich kann mich noch gut erinnern, daß ich als Kind abends schnell einen Brief zum Zug brachte und ihn in den gelbumrandeten Schlitz mit der Aufschrift "Bahnpost" steckte.

Überhaupt war das Treiben auf dem Bahnhofsgelände sehr interessant: Ob beim Brikettentladen von Hand über die Kippwaage oder bei der Düngemittelverteilung durch die Raiffeisengenossenschaft, ob beim Maschinenversand der Firma Enke mit Winde und Feldbahngleis bis zum Waggon auf der Ladestraße oder die Maschinenanlieferung der Firma Vogel auf Tafelwagen mit Pferdegespann durch das Dorf, wobei der alte Max Vogel, der Seniorchef, im verschmierten Arbeitskittel nebenherlaufend ständig Anweisungen gab. Langholzverladen und -entladen war schon eine wesentlich gefährlichere Angelegenheit.

Ohne Fahrkarte und Bahnsteigkarte war kein Betreten oder Verlassen des Bahnsteiges möglich. Fahrkarten waren Eigentum der Deutschen Reichsbahn und mußten beim Verlassen des Zuges beim Bahnhofsvorsteher abgegeben werden.

Während des zweiten Weltkrieges wurde die Nebenstrecke zu einer wichtigen Nachschubverbindung von und nach Italien. Geländeabtragungen und Dammaufschüttungen für ein zweites Gleis im Bereich Pöllwitz wurden noch in den letzten Kriegsjahren durchgeführt.

Was ist heute vom ehemaligen wirtschaftlichen Aufschwung übrig geblieben, der im Zusammenhang mit dem Bahnanschluß gekommen war? Kurz und bündig: Nichts! Die Maschinenfabriken wurden nach dem Krieg nach Zeulenroda verlagert, Metallweberei und Strickereien haben die Fabrikation eingestellt, und die Firma "Hädrich & Co." existiert nicht mehr. Die Gebäude der ehemaligen Porzellanfabrik fielen einem Großbrand zum Opfer. Lediglich auf dem Gelände des ehemaligen Sägewerkes wird wieder Holzhandel betrieben.

Pöllwitz hatte in unserer Gegend ein Stück Industriekultur mitgeschrieben. Es ist zu hoffen, daß eine ähnliche Entwicklung eines Tages wieder einsetzen möge.


Die Veröffentlichung dieses Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Herrn Günther Schmutzler 2001.
Der Text wurde für das Internet aufbereitet von Michael Hadlich, Nürnberg, im Dezember 2001.
www.poellwitz.de