Bürgermeister rettete Pöllwitz

Das Ende des Zweiten Weltkrieges in Pöllwitz
erzählt von Günther Schmutzler

aus "Thüringenpost" Ausgabe vom 27.03.1995


Günther Schmutzler Günther Schmutzler erlebte als 15jähriger in Pöllwitz das Kriegsende. Noch im April 1945 war er zum "Volkssturm" eingezogen worden.

Am 2. April, zu Ostern 1945, wurden in Pöllwitz die letzten noch verbliebenen männlichen Einwohner der Jahrgänge 1928 bis 1930 zum "Volkssturm" eingezogen. Wir waren noch ganze acht bis zehn Leute. Bereits auf dem Weg zum Stellplatz an der Pöllwitzer Schule jagte ein amerikanischer Tiefflieger über uns hinweg. Als Kaserne diente die Berufsschule in Zeulenroda. Wir waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Gleichaltrige hatten beim Schanzen in Ostpreußen und Oberschlesien schon Feindberührung gehabt. Der Umgang mit Pistolen und Maschinenpistolen war ihnen nicht fremd.

Die 3. amerikanische Armee unter General Patton hatte auf ihrem Vorstoß vom Mittelrhein in Richtung Osten schon am 3. April die Linie Meiningen-Gotha-Mühlhausen erreicht. Obwohl es kaum noch schlagkräftige deutsche Abwehrkräfte gab, blieb die Armee auf der erreichten Linie vorerst stehen und sicherte das gewonnene Terrain durch die Besetzung westlicher Städte, wie Eisenach und Arnstadt.

Die Lage änderte sich etwa am 10. April, als Plauen erneut bombardiert wurde. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Ich hatte in einer der Aprilnächte Posten zu schieben und sah das Inferno über Plauen: "Christbäume", Feuersbrunst. Ich hatte Angst.

Wir vom Jahrgang 1930 waren noch am 13. oder 14. April nach Hause geschickt worden; die anderen kamen kurz vor dem Feindalarm nach. Die Thüringer Gauleitung befand sich ebenfalls auf der Flucht in Richtung Bayern. In Pöllwitz machten sie noch einmal Halt. Die Panzersperren wurden wieder geöffnet, und der Konvoi zog weiter. Die Überbleibsel fanden wir Tage später in der Nähe des Steinbruches im Pöllwitzer Wald: Lackstiefel, Amtswalteruniformen und nicht mehr fahrbereite Personenwagen blieben im Gebüsch zurück. Gegen 20 Uhr wurden sie noch einmal in Greiz gesichtet. Drei Tage später sollen sie von den Amerikanern ergriffen worden sein.

Am Morgen des 16. April standen die amerikanischen Panzer am Stadtrand von Zeulenroda. Früh gegen 8 Uhr erhielt ich von meiner Mutter den Auftrag, noch einmal Brot einzukaufen, "bevor die Amerikaner kommen". Mit dem Fahrrad ging es zusammen mit anderen Jungen in Richtung "Kittelschenke". Dort befand sich der letzte Bäcker im weiten Umkreis. Doch als wir auf die Anhöhe zum "Zigeunerholz" kamen, bemerkten wir über dem Wald eine gigantische Rauchwolke. In südlicher Richtung mußte etwas schlimmes passiert sein, mehr war vorerst nicht zu erfahren. Doch noch im Laufe des Tages erfuhren wir von der sinnlosen Beschießung und der schrecklichen Einäscherung von Thierbach.

Wir bekamen unser Brot und erfuhren von Passanten, daß die Amerikaner oben an der "Eiche" angeblich Zivilisten in die Stadt hinein und auch herausließen. Das war für uns damals unvorstellbar.

Von jetzt an begleitete uns ständig ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug, das wohl auch als Feuerleitstelle diente. Der Hochdecker kreiste am Vormittag ständig über Pöllwitz. Sorge ging um, daß in letzter Minute noch eine Katastrophe über Pöllwitz hereinbrechen könnte.

Uhrplötzlich ging im Ort unterhalb vom Gasthof "Deutscher Adler" auf dem Anger eine kleine Wehrmachtseinheit von etwa zehn bis zwölf Soldaten unter dem Kommando eines Ritterkreuzträgers in Stellung. Die Verteidigung des Ortes wurde vorbereitet.

Der Bürgermeister und mehrere beherzte Männer wollten jedoch Kampfhandlungen in Pöllwitz verhindern und verhandelten deshalb mit dem Ritterkreuzträger. Dieser lehnte das Ansinnen kategorisch ab und drohte mit Erschießung.

Trotzdem machte sich Bürgermeister Alfred Ebert gemeinsam mit Alfred Neumeister auf den Weg, um das Dorf an die Amerikaner zu übergeben. An der Wolfshainer Straße stand der Matrose Karl Schamberg als Parlamentär bereit. Eine gefährliche Lage war noch dadurch entstanden, als kurz vor Mittag das Artillerieflugzeug einen Fallschirm mit einem Zettel daran abwarf und wenig später in der Siedlung weiße Tücher gesetzt wurden. Erst später klärte sich alles auf. Der Zettel enthielt die Formulierung: Wenn keine deutschen Soldaten mehr im Dorf sind, dann sollten weiße Tücher ausgelegt werden.

Gegen 13 Uhr am 16. April sah man auf der Anhöhe am "Zigeunerholz" den ersten amerikanischen Jeep heranbrausen. Wenig später erschien er am Steinberg und sofort danach bog er in die Wolfshainer Straße ein, wendete vor den letzten Häusern im Weizenfeld und fuhr zurück ins Dorf. Nun folgten die sogenannten "Panzerspitzen". Endlose Kolonnen von gepanzerten Militärfahrzeugen und offene "Flitzer". Unaufhörlich bis zum Abend zog die Kolonne im "stop and go" durch das Dorf in Richtung Dobia und Wellsdorf. Die Bevölkerung säumte die Straße!

Das kleine Verteidigungskommando der Wehrmacht hatte sich noch rechtzeitig zurückgezogen. Gegen Abend wurde ein Teil von ihnen als Gefangene durch das Dorf geführt.

Allmählich trat wieder Ruhe ein. Erste Befehle des Ortskommandanten wurden erlassen. Waffen und Munition, Hieb und Stichwaffen sowie Fotoapparate waren sofort im Gemeindeamt abzugeben. Ein oder zwei Tage später mußten am Bahnhof ein Haus und jeweils mehrere Häuser in der Siedlung und Wolfshainer Straße für die Besatzungssoldaten geräumt werden.


Die Veröffentlichung dieses Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Herrn Günther Schmutzler 2001.
Der Text wurde für das Internet aufbereitet von Michael Hadlich, Nürnberg, im Dezember 2001.
www.poellwitz.de