Wie die Pöllwitzer einst zu einer Orgel kamen

von Günther Schmutzler

aus "Thüringenpost" Ausgabe vom 05.06.1996


Zu allen Zeiten wechselten gute und schlechte Jahre miteinander ab. Die Ursachen freilich, die ehemals zu Not und Elend führten, waren im allgemeinen andere als heute. Bald hatten unsere Vorfahren unter verheerenden Kriegen und Seuchen zu leiden, bald unter großen Teuerungen mit folgender Hungersnot.

Am 15. Februar 1763 brachte der Friede zu Hubertusburg das heißersehnte Ende eines solchen Ereignisses, das in die Geschichtsbücher als der Siebenjährige Krieg eingegangen ist. In Pöllwitz wurde das Friedensfest mit einem feierlichen Dankgottesdienst unter großer Beteiligung der Gemeinde gefeiert. Freude und Dankbarkeit über das Ende der Kriegslasten löste eine große Spendenfreudigkeit aus, die der Pöllwitzer Kirche zu einer Orgel verhalf.

Die Situation des Tages wird am besten mit dem Bericht des Langenwetzendorfer Lehrers Johann Andreas Kehl wiedergegeben: "Die beyden Gottesdienste hat hiesige Gemeinde recht häufig besuchet, sodaß sonderlich nach Mittags (es gab einen Früh- und einen Nachmittagsgottesdienst) kein Winkel mehr leer war; nach den Predigten hat sich fast niemand mehr auf den Gaßen, vielweniger in Bier und Brandwein Häusern finden lassen."

In diesem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) hatte unser ehemaliges Reußenland viel zu leiden gehabt. Die Landesherren versuchten zwar, neutral zu bleiben und ihre Gebiete vor dem Schrecken des Krieges zu bewahren. Das war aber nicht nur unmöglich, weil Kursachsen von Anfang des Krieges an mit Österreich verbündet war und von Friedrich II. als feindliches Land behandelt wurde, sondern auch deshalb, weil schon 1757 der Reichskrieg gegen Preußen erklärt worden war. Da Sachsen vielfach Kriegsschauplatz war, so wurde auch das Vogtland mit betroffen. Es war nicht bloß von häufigen Truppendurchmärschen und den damit verbundenen Requisitionen von Lebensmitteln, Vieh, Futtermitteln, Einquartierungen und Vorspanndienste belegt, sondern auch mit hohen Kriegssteuern und Brandschatzungen belastet.

Vom Konsistorium in Greiz war angeregt worden, daß aus Anlaß des Friedensfestes in jeder Gemeinde zum Andenken dieses Freudentages etwas im Cymbal und Becken gesammelt werden sollte. Außerdem sollte vom Pfarrer und der Gemeinde in Vorschlag gebracht werden, wozu das Geld verwendet werden könnte.

Am 27. April 1763 fragt der Pöllwitzer Pfarrer Johann Gabriel Mylow in Greiz an, ob die Einlage zur Anschaffung einer Orgel angelegt werden dürfe, "zu welchem Zweck auch die Ärmsten reichlich eingeleget und andere noch mehr bewilliget haben, welches ein schönes Andenken seyn würde, auch sowohl zur Erbauung als Errichtung dero guten Absichten der Gemeinde die unbekannten Melodien beyzubringen, nicht wenig beitragen würde."

Dem Vorschlag wurde stattgegeben. Erstaunlich für die damalige Zeit war die große Spendenfreudigkeit. Am Tage des Friedensfestes wurden 18 aßo und neun Groschen im Cymbal und Becken gefunden. Von 81 Personen wurden freiwillig weitere 120 aßo und sechs Groschen und nochmals 173 aßo, sieben Groschen, vier Pfennig als Einlage dazugegeben. Hochzeitspaare, Geschenke von Fremden, Vermächtnisse von Einwohnern erhöhten das Spendenaufkommen und sicherten so die Anschaffung einer neuen Orgel für die Pöllwitzer Kirche. Insgesamt wurden 392 alte Schock und elf Silbergroschen eingenommen, lediglich 20 alte Schock wurden seitens der Kirche beigesteuert.

Der Orgelbau wurde umgehend in Auftrag gegeben, und viele Gewerke fanden Arbeit und Brot. Beschäftigt waren die beiden Schleizer Meister, Orgelmacher Johann Tobias Hiebe und der Bildhauer Johann Heinrich Brehm. Unterstützt wurden sie von den Pöllwitzer Handwerkern, Tischlermeister Michael Zimmermann, Johann Heinrich Baum, Zimmermeister Johann Gottfried Baum, Maurermeister Johann Georg Steudel und dem Huf- und Waffenschmied Johann Michael Neupart zusammen mit dem Zeulenrodaer Nagelschmied Johann Michael Neubergner. Für Licht und Baumöl sorgten Johann Georg Dimlich und Gotthardt Schröder aus Zeulenroda. Michael Neubarth stiftete das Lindenholz für den Bildhauer. Zum Baumfällen war Johann Michael Meyer und für die Transporte Johann Georg Scharf eingesetzt. Johann Georg Tischer lieferte die Beschläge für die Orgel und Heinrich Christoph Teicher verfertigte ein Memorial.

Im Herbst 1764 teilt Pfarrer Mylow dem Konsistorium in Greiz mit: "...hiermit berichten wollen, daß das neue Orgelwerk in Pellwitz nun bald fertig und circa Dom. 22. P. Trin. völlig zustande sein wird. Da nun der Montag drauf, den 19. November, unser Kirchweihfest einfällt, so habe ich gehorsamst beantragen wollen, ob es nicht thunlich wäre, daß die Einweihung mit bei der Kirchweih-Predigt geschehe, und ob Sie die Gütigkeit haben wollen, jemand zur Einweihungspredigt zu bestimmen. Wollte (weiter) bitten, daß das Werk abgenommen wird und die Büchsen setzen zu dürfen, weil viele Freunde erwartet werden und jemand eine Beisteuer dazu geben wollte. Die Erlaubnis, sich jemand für das Orgelspiel zu erwählen oder ob es das Hochgräfliche Consistorium selbst bestimmt...".

Die Kosten für den Orgelbau wurden durch das Spendenaufkommen voll abgedeckt. Während der gesamten Bauzeit hat sich der Kirchenälteste Johann Gottfried Schüler außerordentliche Verdienste erworben. Er war sozusagen als Bauleiter und Finanzverwalter tätig. Akribisch wurde von ihm jeder Spendenposten und jede Ausgabe buchhalterisch aufgelistet.

Ob es vorher in der Pöllwitzer Kirche schon eine Orgel gegeben hatte, konnte bisher aus den Archivunterlagen noch nicht ermittelt werden. Es gibt lediglich einen Hinweis, "daß der alte Lehrer Müller wahrscheinlich für das Orgelspielen wenig geeignet sei". Andererseits war früher bei der Anstellung eines neuen Schulmeisters immer nur Wert auf das Probesingen gelegt worden, von "Orgelspielen" war dagegen nie die Rede. Erst beim Nachfolger des Lehrers, dem Hutmacher Christian Hahn, wird "von Probesingen und Spielen der Orgel" gesprochen, und daran erinnert, daß er schon einige Zeit die Orgel spiele.

Die 1764 eingebaute Orgel wurde nach etwas mehr als 250 Jahren im Jahre 1923 generalüberholt. Aber der Zahn der Zeit nagt weiter und hat auch seine Spuren hinterlassen. Eine erneute Generalinspektion der Orgel wäre notwendig. Nur: Wer soll es diesmal bezahlen, wo das nötige Geld hernehmen? Wird der Denkmalschutz in die Tasche greifen können oder die Kirche selbst? Ob jemals wieder eine solche Spendenfreudigkeit der Kirchgemeinde zustande kommen wird?

Die Veröffentlichung dieses Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Herrn Günther Schmutzler 2001.
Der Text wurde für das Internet aufbereitet von Michael Hadlich, Nürnberg, im Dezember 2001.
www.poellwitz.de