Aus der Geschichte der Pfarre Pöllwitz

von Günther Schmutzler

aus "Thüringenpost" Ausgaben vom 25., 26. und 27.07.1995


Inhalt



Einleitung

Die Pöllwitzer Pfarre hatte zu allen Zeiten einen beachtlichen Grundbesitz. Im Inventarverzeichnis von 1619 werden aufgeführt: "XI Scheffel junges Feld, frisch gerodeter Waldboden, XII Scheffel alt Feld, X Fuder Wieswachs als Heu und ein Fuder Grummet ..., an Holz ist nicht sonderliches vorhanden" und weiter "... neun oder zehn Rindhäupter, melcke und geldte (trocken stehende Kühe) kann man halten im Winter und Sommer, auch so viele Schafe, sonst hat der Pfarrer die Freyheit zu halten, so viel er will. Ferner sind vorhanden vier Teuchlein, deren einst mit vier Schock, die anderen mit ein halben Schock Setzlinge besetzt worden."

Anfang des Jahres 1717 wird der 1671 in Fürstenau bei Altenberg im Erzgebirge geborene M. Georg Paul Kleinnicolai aus Ebersdorf, wo er die Hofprädicatur verwaltete, nach Pöllwitz berufen und schon mit Ablauf des Jahres 1718 als Pastor nach Zeulenroda versetzt.

Büchlein im Archiv

Den landwirtschaftlichen Dingen widmete er sich mit großem Eifer. Er scheint ein aufgeschlossener und auf gute Ernte bedachter Gottesmann gewesen zu sein. Sicher hat seine Tätigkeit am Hofe der Ebersdorfer Herrschaft mit dazu beigetragen, auch die alltäglichen Verrichtungen in einer kleinen Pfarrwirtschaft einer wirtschaftlichen Betrachtung zu unterziehen. Kleinnicolai hat sich jedenfalls einen Überblick über Aufwendungen sowie Einnahmen und Ausgaben seiner Wirtschaft verschafft. In den beiden Jahren seiner Amtszeit hat er gewissenhaft Buch geführt. Zwei Büchlein im Historischen Staatsarchiv in Greiz zeugen von der akribischen Erfassung aller wichtigen Posten.

Die Aufzeichnungen enthalten nicht nur Ernteergebnisse, sondern vermerken auch die einzelnen Standorte der Wiesen und Felder und geben somit einen Einblick in alte Flurbezeichnungen, die teilweise noch Anwendung finden.

So wurden 29 Fuder Heu und fünf Fuder Grummet geerntet von der Wiese beim "Oberen Herrenteich" (dem Pfarrteich), "von der langen Wiese", "von der großen Wiese", "beim Teich am Zeulenröder Weg" (rechts neben der Straße unterhalb der ehemaligen Drahtweberei Jacobi gelegen), "von den Bartwiesen", "von der Sand-", "Schopf-" und "Hutwiese", "von dem Halbritter" und "auf dem Mühlenfelde".

Erbsen aus Garten

Ein Scheffel Weizen wurde auf dem Acker unweit dem Holze vom "Hofgelänge" geerntet. Winter-Roggen war angebaut beim Teich am Zeulenrodaer Weg, "hinter dem Pfarrgarten", "auf dem Hofgelänge" und "vor dem Walde"; Sommerkorn nur auf dem "Hofgelänge".

Auffallend ist der große Anteil von elf Scheffeln Gerste, die fast ausschließlich auf den Feldern vom "Hopfengelänge" reifte. Hafer kam "von der Scheibe", vom Acker am Teich am Zeulenrodaer Fußsteig und vom "Mühlenacker". Eine kleine Menge des sogenannten Gemenges wurde am "Hopfenacker", sicher von der Gewann, geerntet, und die Erbsen stammten ausschließlich aus dem Garten.

161 Reichstaler

Nach den Aufzeichnungen entsprach alles ausgedroschene Getreide in Geld umgerechnet 117 Reichstalern und 15 Groschen. Die gesamten Pfarreinkünfte einschließlich der festen Geldeinnahmen und solchen von Stroh, Holz und von den Pfarrgütern betrugen vom 17. März 1717 bis zum Ende des Jahres 293 Reichstaler, 22 Groschen und elf Pfennige. Nach Abzug der Ausgaben für Magd und Knecht zur Bestellung der Pfarrgüter sowie dem Kuhhirten-Lohn verblieb ein Rest von 161 Reichstalern, 15 Groschen und fünf Pfennigen.

Von Kartoffelanbau für die Pfarrwirtschaft wird in dieser Zeit noch nichts berichtet.

Interessant und aufschlußreich zugleich sind verschiedene Angaben, unter anderem diese: "... eine Kuh mit einem Ochsenkalb für zehn Reichstaler und ein junges Rind für vier Reichstaler zwölf Groschen, beide vom Hirten gekauft. In Mühltroff auf dem Markt eine Kuh (acht Reichstaler zwölf Groschen) und einen Ochsen (13 Reichstaler zwölf Groschen) allein zum Mästen gekauft. Zwei Schweine kosteten drei Reichstaler 16 Groschen und ein Satz Karpfen 16 Groschen. Für das Krautfeld ackern und Krauthacken wurden je 16 Groschen veranschlagt, sowie für zwei Schock Büschel zu machen zwölf Groschen sechs Pfennige."

Dorfpfarrer Johann Mylow

Ein ebenso rühriger wie pfiffiger Dorfpfarrer ist Johann Mylow, der M. Georg Paul Kleinnicolai ablöste. Er stammte aus Flessau (Altmark), damals ein Teil der Mark Brandenburg, kam als Cantor von Zeulenroda 1719 ins Pfarramt nach Pöllwitz. Er starb 1758.

Schenkt man dem Gemeinderat Glauben, so war bei seinem Amtsantritt die soziale und wirtschaftliche Lage im Dorf keineswegs rosig. In einem Schreiben an den Hochwohlgeborenen Herrn Grafen heißt es: "Unsere Gemeinde ist angefüllt mit sehr vielen armen Häußlern, die bey itzigen Gold-Klammen Zeiten ihr bißchen Nahrung mit großer Müh und Noth kaum erwerben können ...".

Johann Mylow wird das sicher zur Kenntnis genommen und sich seinen Teil dabei gedacht haben. Er ist mit den wirtschaftlichen Dingen vertraut und hat seine eigene Methode, Probleme anzupacken. Er ist nicht nur Seelenhirt und Landwirt, er ist wahrscheinlich auch ein Schlitzohr, wie man sehen wird. Schon am 6. November 1753 hatte er für die in Aussicht gestellte Ordination seines Sohnes (Johann Gabriel Mylow) dem Landesherrn gedankt und versprochen, daß sie beide "an diesem wüsten und sehr verderbten Ort in Segen arbeiten und viele Seelen dem treuen Erzhirten in die Hände liefern wollten" (in "Geschichte der Stadt Zeulenroda").

Während seiner Amtszeit entwickelte sich in den deutschen Landen eine starke landwirtschaftliche Literatur voller neuer Ideen. Die Skala reichte von eng begrenzten "Bienengesellschaften" über "Ackerbaugesellschaften" bis hin zu "Ökonomischen Sozietäten". Alle diese Gesellschaften, zu deren Mitgliedern meist adlige und bürgerliche Gutsbesitzer, aber auch Pächter, Ackerbürger und andere zählten, entfalteten eine rege aufklärerische Tätigkeit. Mit Themen, wie "Gespräche über den Anbau", "Kurzes Gespräch zwischen einem Landmann und einem Prediger" wollte man auf die Bauern Einfluß nehmen.

Inwieweit jeweils solche Lektüre in die entlegenen Dörfer gelangte, ist offen, setzte das doch zumindest Lesen und Schreiben voraus - und, was ebenso wichtig ist, die erforderliche Zeit. Bei einem Pfarrer allerdings sah das schon etwas anders aus.

In den Kirchenbüchern zu Pöllwitz findet man öfters auch Positionen, wie "die alten Wiesen auszugräbern", "neues Flußbett am unteren Pfarrteich anlegen", "den oberen Teich schlämmen" und so weiter. Pfarrer Johann Mylow jedenfalls beschritt in der Bewirtschaftung des Pöllwitzer Pfarrgutes völlig neue Wege. Offenbar mit Erfolg.

1746 verpachtete er das Pfarrgut zu recht ungewöhnlichen Bedingungen. Der Pächter hatte nämlich sämtliche Arbeiten zu verrichten, mußte aber von allem Ertrag dem Pfarrer die Hälfte als Pachtentschädigung entrichten. Die Kühe wurden beispielsweise vom Pächter und Verpächter zweitäglich im Wechsel im Wechsel gemolken und so weiter.

Auch Erdäpfel (Kartoffeln) werden in diesem Zusammenhang erwähnt: "Was das Kraut und die Erdäpfel anlanget, gibt jeder die Hälfte des Samens und der Steckerdäpfel und kann der Pächter die Pflanzstätte auf die Brachen oder wo sie sonst auf dem Felde am besten schickert, machen ..." Durch Heimatforscher Rudolf Schramm ist bekannt, daß schon 1627 in den Fürstlichen Gärten zu Greiz "Erdäpfel" Erwähnung fanden.

Der Pachtbrief

Im Pacht-Contract (der dem von 1746 entspricht) bei der Pfarre zu Pöllwitz heißt es: "Im Namen Gottes sei hiermit kund und wissend, daß zwischen Johann Gabriel Mylow, wohlverordneter Pfarrer der Gemeinde zu Pöllwitz als Verpachter, dem Johann Jacob Schröder, Pachtern anderen Teils, nachstehende Pacht abgeredet und geschlossen worden, nämlich: Es verpachtet J. G. Mylow, die zur Pfarre allhier gehörige Wirtschaft an Feldern, Wiesen, ingleichen Rind-, Schwein-, Schaf- und Federvieh-Nutzung, außer zwei Viertel Feld, welches Herr Mylow sich zu seiner eigenen Disposition vorbehält, so aber Pachter mit bedüngen, bestellen, und das darauf stehende mitreinschaffen muß, und deren Teichen und Hopfen, welche der Pachter zur Frühlings- und Herbstzeit fischen und den Hopfen hacken helfen und sticheln. Er die Hopfenstangen aus dem Pfarrholz mit herbeischaffen muß, auch das Gras am und im unteren Teich soll Pachter abhauen, dermaßen helfen und ohne Entgelt reinschaffen. Das Grummet aber soll Pachter haben auf drei Jahr, nämlich von Lichtmeß Anno 1761 bis 1764 also dergestalt: Das Pachter vor allen Dingen Gott und sein heiliges Werk vor Augen haben soll, sich eines frommen, christlichen und nüchternen Lebenswandels befleißigen, alles Fluchens und Gotteslästern sich enthalten, sich fleißig zum Gottesdienst einfinden, auch die Seinigen und das Gesinde dazu. Auch gegen Verpachter und die Seinigen sich gebührenden Respekts erweisen und ebenso die Seinigen dazu anhalten.

Mit Feuer und Licht soll er und die Seinigen gute Umsicht haben; auch in der Scheune, den Ställen, auf dem Boden und über den Hof soll er kein Licht ohne Laterne tragen. Widerwärtigenfalls, wenn durch seine oder der Seinigen Verwahrlosung Schaden geschähe, welche doch Gott und Gnaden verhindern wolle, er solches zu ersetzen schuldig seyen ..."
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Es folgen weitere 23 Paragraphen, in denen alles über Feldbestellung, Ernte und Einlagerung der Feldfrüchte, Viehhaltung, Malzmachen und Brauen, Moosscharren einschließlich Brennholzmachen festgelegt ist. Zusätzlich ist dem Vertrag ein umfangreiches Inventarium beigegeben. Der Contract schließt mit dem Hinweis, daß immer alles redlich geschehe, wie es mit Handschlag besiegelt wurde.

Der Pachtbrief ist in zwei Exemplaren ausgefertigt, von beiden Seiten unterschrieben und zur Ratifikation ins Hochgräfliche Obergreizer Consistorium gegeben. Der Pachtvertrag ist in Pöllwitz am 29. Dezember 1760 aufgestellt und von Johann Gabriel Mylow, Pastor, und Michael Gneupel, Richter, unterschrieben worden. Die Gegenseite zeichnet mit Johann Jacob Schröder, Matthäus Zscheck und Michael Schröder. Pächter und Verpächter scheinen aufgrund des Pachtvertrages von 1746 gut miteinander ausgekommen zu sein, denn er wurde 1757 und 1761 erneuert. Von 1766 bis Januar 1769 bewirtschaftete Johann Nicol Ebert das Pfarrgut.

Pfarrer Johann Mylow scheint stets auf eine noch bessere Ausnutzung der zur Pfarre gehörenden Liegenschaften bedacht gewesen zu sein. So beantragte er 1755 die Anlage eines Steinbruches, der wohl nicht so sehr viel abwarf, aber mehr einbrachte wie der dürftige Waldwuchs, wie das Gutachten des damaligen Oberförsters besagt.

Schon im März des gleichen Jahres schilderte er dem Consistorium in Greiz, daß "die hießige Pfarre sehr schlecht mit Wasser versehen ist, welches die Haushaltung sehr beschwerlich macht, da das Wasser so weit getragen werden muß ...". Er berichtet weiter, daß er "von einem alten, erfahrenen Bergmann vernommen hat, daß im oberen Pfarrgarten einen Brunnen zu graben sehr vorteilhaft sein, weil sich da ein starker Wassergang zeigen würde ..., man könnte es alsdann durch Röhren ohne große Ursache in den Pfarrhof bringen, da es nur 93 Schritte durch Röhrig dürfte geleitet werden. Die Elle soll von zehn Groschen gegraben werden ...". Der Brunnen wurde gebaut.

Die beiden Pastoren haben "an dem wüsten und verderblichen Ort in Segen gearbeitet", die Pachtverträge widerspiegeln die Ergebnisse. Ob das zweite Versprechen, "viele Seelen dem treuen Erzhirten in die Hände zu liefern" eingelöst wurde, ist nirgends festgehalten (Quelle: Staatsarchiv Greiz, Altes Repertorium/Consistorium, Pöllwitz).


Die Veröffentlichung dieses Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Herrn Günther Schmutzler 2001.
Der Text wurde für das Internet aufbereitet von Michael Hadlich, Nürnberg, im Dezember 2001.
www.poellwitz.de