Das verschwundene Dorf

aus "Sagen des Greizer Reußenlandes"
gesammelt und erzählt von Franz Weidmann, 2. Auflage, 1922, Vereinsbuchdruckerei Greiz i. V.

Im Jahre 1430 lag am Rande des Pöllwitzer Waldes, nicht weit von der Stadt Zeulenroda, ein schönes, wohlhabendes Dorf mit herrschaftlichem Schlosse, blühenden Gärten, fruchtbaren Äckern und fleißigen Einwohnern. Ritzmannsgrün, dessen Name heute noch im Volksmunde genannt wird, von welchem man auch die Stelle, wo es gestanden hat, angeben kann, wurde in einer einzigen Nacht durch wilde Kriegsscharen zerstört und dem Erdboden gleichgemacht. In dieser Nacht ging es im Schlosse des Gutsherrn hoch her, denn bei Schmaus, Gläserklang und Tanz wurde dort die Hochzeit des Schloßfräuleins mit allem Pomp gefeiert. Um die mitternächtliche Stunde aber, als die Dorfleute im tiefen Schlaf lagen, die langen Fensterreihen des Schlosses in hellem Lichtglanz erstrahlten und lustige Tanzweisen und fröhlicher Hochzeitsjubel bis weit in das stille Dorf erklangen, wurde plötzlich der Friede des Ortes und die Freude im Schlosse durch schreckliches Getöse und laute Hilferufe, die vom Ende des Dorfes her erschollen, jäh zerstört. Erschrocken sprangen die Schläfer aus den Betten und die Schloßgäste an die Fenster, und mit der Ruhe der einen und der Freude der anderen war es dahin.

Die Hussiten hielten ihren Einzug in Ritzmannsgrün, plünderten, mordeten und sengten von Haus zu Haus und näherten sich unter kriegerischem Getümmel dem Schlosse. Als der Schloßherr die jämmerlichen Hilferufe der sterbenden Einwohner des Dorfes hörte, ihre in Feuer aufgehenden Häuser sah und das kriegerische Getöse vernahm, ließ er erschrocken schnell alle Lichter im Schlosse auslöschen, das Tor sperren und in Verteidigungszustand setzen, in der Hoffnung, das wilde Kriegsvolk werde durch den ihm entgegengesetzten Widerstand getäuscht und veranlaßt werden, seine Straße weiterzuziehen. Aber gerade dieser Widerstand reizte die wilde Schar zu voller Wut. Nach kurzem Kampf wurde das Tor zertrümmert, die Verteidiger desselben erschlagen, und dann stürzte das Kriegsvolk in die Schloßräume, erschlug hier jeden, gleichviel ob er sich verteidigte oder um Schonung seines Lebens flehte, und weder einer von den Hochzeitsgästen noch Braut und Bräutigam oder deren Eltern kamen lebend davon. Dann, als hätten sie die größten Heldentaten vollbracht, setzten sich die wilden Krieger unter Singen und Lachen an die Hochzeitstafel, zechten und schmausten und rühmten dabei ihre Taten, raubten und verwüsteten alles, was im Schlosse war, steckten auch dies dann noch in Brand und zogen beim ersten Morgengrauen mit Beute beladen auf und davon.

Als die ersten Strahlen der Sonne auf Ritzmannsgrün fielen, beleuchteten sie eine grausige Stätte. Das schöne, reiche Dorf war ein rauchender und glimmender Trümmerhaufen und seine vordem so glücklichen Menschen halbverkohlte, verstümmelte, noch zuckende oder im Tode erstarrte Menschenleiber.

Heute ist Dorf und Flur Ritzmannsgrün eine mit Wald und Heidekraut bewachsene Fläche, in der noch verfallenes Gemäuer dem Suchenden die Stelle zeigt, wo vordem der Friedhof des Dorfes gelegen haben soll. Aber wenn auch sonst alle anderen Spuren von dem Orte verschwunden sind: alle hundert Jahre in derselben Nacht, in der das Dorf einst zugrunde ging, zeigt es sich wieder in dem Gewande, das es zu der Hochzeitsfeier in der Schreckensnacht angelegt hatte. Dann erstrahlen die Fenster des Schlosses wieder in hellem Lichterglanz, laute Reigenklänge und fröhlicher Hochzeitsjubel erschallen weit, weit in den stillen Wald hinein, und wer in der Nähe des verschwundenen Schlosses dann weilt, der sieht wohl gar die sich drehenden Tänzerpaare an den erleuchteten Fenstern vorüberhuschen. Aber nur einige Minuten dauert diese Erscheinung in mitternächtlicher Stunde, dann wird es wieder still und dunkel an der Stätte, bis dieselbe Stunde nach hundert Jahren dasselbe Bild wieder hervorzaubert.


Der Text wurde für das Internet aufbereitet von Michael Hadlich, Nürnberg, im Juni 2001.
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