Der Wunderknaul des Waldweibels

nach E. Lotter / Rudolf Schramm
aus "Die Wunderblumen vom Röschnitzgrund" Band I, Rudolf Schramm, 1981


Eine Pöllwitzer Bäuerin hatte zwei Mägde. Zur jüngsten sagte sie eines Tages: "Du könntest heute nachmittag hinüber in den Wald nach Dobia gehen. Nimmst den großen Handkorb und beerst Preiselbeeren! Da drüben gibt es viele." Und weil sie Striezel gebacken hatte, gab sie ihr drei mit auf den Weg. Nach dem Mittagessen machte sich das Mädchen mit einem großen Handkober und den Striezeln darin auf den Weg. Es war froh, als sich noch zwei Bauernmädchen zu ihr gesellten, die auch in Beeren gehen wollten. Der große Pöllwitzer Wald war zu jener Zeit noch dichter und unzugänglicher als heute. Es gab noch Wölfe, Luchse und anderes Raubzeug, und wer in der wegelosen Waldwildnis beim Pilzesuchen oder Beerensammeln in die Irre geriet, fand erst nach langer Zeit wieder nach Hause.

Wie nun die Mädchen immer tiefer in den Wald kamen, fanden sie Beeren in großer Menge, verloren sich aber schließlich aus den Augen. Bald fand sich die kleine Magd allein auf einer Waldblöße, wo es Beeren in Hülle und Fülle gab. Im Handumdrehen hatte sie ihren Korb halb voll gebeert. Als die Zeit des Kaffeetrinkes gekommen war, setzte sie sich ins weiche Moos und wollte sich gerade einen Striezel schmecken lassen, als sie bemerkte, dass ganz in ihrer Nähe sich ein ausgewachsener Wolf ihr zu nähern vesuchte. Vor Schreck ließ sie ihren angebissenen Striezel fallen und suchte zu fliehen. Sie konnte aber kein Glied rühren und brachte kein Wort über ihre Lippen, während sich der Wolf ihr zähnefletschend immer bedrohlicher näherte.

Da hörte sie hinter sich Händeklatschen, und laut machte es: "Gsch, gsch, gsch!" Da stutzte das Untier, zog die Rute ein und schlich sich davon. Wie sich aber das verängstigte Mädchen umwandte, wen sah es da vor sich? Zwei kleine hutzelige Moosweibel! Mit ihren alten, runzeligen Gesichtern, den Hauben aus Moos und grauen Flechten, den zerschlissenen grünen Röcken und dem viel zu großen Wurzelstock in der Rechten boten sie einen gar possierlichen Anblick. Sie schauten die noch immer ängstlich blickende Magd freundlich an und suchten mit beruhigenden Gesten des Mädchens Scheu zu zerstreuen. Dann bückte sich das eine der beiden Moosweibel, hob den Striezel auf, biss herzhaft hinein und sagte lachend mit vollen Backen: "Striezel, hm hm - der schmeckt gut! Nimm dir auch einen, Waldemut!"

Da griff die andere in den Korb, nahm sich eine Kostprobe von dem köstlichen Gebäck und verzehrte es mit sichtlichem Behagen. Wie das Mädchen sah, dass es ihnen schmeckte, nahm es den letzten Striezel aus ihrem Korbe, teilte ihn, gab jedem eine Hälfte und forderte sie zum Essen auf: "Da nehmt, ihr guten Weibel, esst den auch noch, und lasst's euch gut schmecken!" Das ließen sie sich nicht zweimal sagen, langten zu, lachten und tanzten vor Freude. Dann beerten sie mit in des Mädchens Korb, und das ging so huihui, dass er in wenigen Minuten gehauft voll war.

Nun fasste das eine Waldweibel in die Tasche ihres weiten Faltenrockes, brachte einen großen Garnknaul hervor und übergab ihn der Bauernmagd mit den Worten:

"Für deinen Striezel nimm diesen Knaul!
Strick fleißig Strümpfe, sei nicht faul!
Sag niemand, wer dir's hat gegeben,
verrat's nicht, kannst dann glücklich leben!"

Die Magd mag recht ungläubig dreingeschaut haben. Doch das andere Holzweibel versicherte ihr, es könne mit dem Garn stricken ihr ganzes Leben lang, sie möge den Knaul nur in ihre Lade legen, doch müsse der Faden zum Schlüsselloch heraushängen. Dann begleiteten sie die beiden ein Stück des Weges und waren plötzlich im Wald verschwunden.

Der Knaul war in der Tat ein rechter Wunderknaul. Sie strickte drauf los, Tag für Tag, Woche um Woche, einen ganzen Korb voll Strümpfe für sich, für die Bäuerin, für den Bauer, ja fürs ganze Dorf. Und das Wundergarn wurde nicht alle. Der Knaul blieb so groß und rund und wurde nicht kleiner. Darüber wunderte sich die Bäuerin über alle Maßen und neidete ihrer Magd vielleicht auch ein wenig das kleine Wunderding. Von Neugier geplagt, versuchte sie mit ihren Fragen hinter das Geheimnis des Wunderknauls zu kommen, aber das Mädchen verriet das Unbegreifliche nicht. Aber wer vermag schon seine Zunge auf die Dauer im Zaum zu halten? Und so entschlüpfte der Magd eines Tages das bisher so wohlgehütete Geheimnis. Als sie an einem Winterabend an einem Paar Strümpfe strickte, flüsterte sie der hartnäckig fragenden Bäuerin ins Ohr: "Sagt's nicht weiter! Die Waldemut, das gute Waldweibel, das mir heuer beim Beerensammeln im Dobiaer Wald half, hat mir's gegeben."

Kaum waren die letzten Worte verklungen, da hatte die Magd das Garnende ihres Wunderknauls in den Händen. Und wie sie nach ihm schaute, der bisher in ihrer Lade gar lustig hin und her kullerte, da lag nichts weiter darin als ein Häuflein Asche. Da war's vorbei mit dem wohlfeilen Strümpfestricken. Das Mädchen weinte bittere Tränen vor Trauer und Enttäuschung. Und auch die Bäuerin reute es, dass sie ihre Magd mit ihren neugierigen Fragen so geplagt hatte.


Der Text wurde für das Internet aufbereitet von Michael Hadlich, Nürnberg, im Juni 2001.
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