Pöllwitz hatte früher eine Windmühle

von Günther Schmutzler

aus "Thüringenpost" Ausgaben vom 28. und 29.12.1993


Mühlen waren im Mittelalter wichtige Betriebe der landwirtschaftlichen Produktion und Verarbeitung. Sie entstanden meist mit der Ortsgründung. Jahrhunderte lang klapperten, pochten und kreischten sie in unseren Tälern. Kein Flüßchen, kein Bach, an dem nicht alle paar hundert Meter eine Mühle stand. Nahezu jedes Dorf hatte eine Mühle, für die meist Mühlenzwang bestand, das heißt, sie mußten von den Bauern des Ortes genutzt werden. Lang vorbei sind die Zeiten, da sich Müller und Bauer unter der Tür handelseinig wurden und das mit Handschlag besiegelten; lang vorbei die Zeit, da der Müller mit einer Metze - oder auch mehr - voller Mehl abgefunden wurde.

Doch nicht immer klapperten die Mühlen am "rauschenden Bach". Bei anhaltenden Trockenzeiten versiegten Bäche und Flüsse, und die Räder standen still. Damit verbunden waren verheerende Auswirkungen, wie uns die Chronisten überliefern. So schreibt das "Erzgebirgisch-vogtländische Kreisblatt" am 9. August 1842: "Fast sämtliche Mühlen am Elsterflusse stehen allgemach still, das Flußbett ist ziemlich ausgetrocknet, so daß Gräser darin wachsen." Und in seiner "Urkundlichen Chronik der Stadt Oelsnitz" berichtet Rektor Dr. Johann Gottlob Jahn: "Das Jahr 1842 hat sich wie für ganz Deutschland so auch für die Stadt Oelsnitz und Umgebung durch seine große Trockenheit besonders merkwürdig gemacht. Viele Bäche wie der Marieneyer, der Raasdorfer, der Hainbach, der Freiberger Bach und andere waren rein ausgetrocknet. Alle Fische waren gestorben, und an den Perlmuscheln ist ungeheurer Schaden geschehen. Die Perlensucher versetzten deshalb dieselben fuderweise in die Elster, und die Bäche wurden geräumt. Die Elster selbst hatte so geringen Wasservorrat, daß in den Mühlen das Mahlen eingestellt werden mußte und selten nur ein Mahlgang in Bewegung gesetzt werden konnte."

Diese bedrohliche Situation führte deshalb zur Errichtung mehrerer Dampf- und Windmühlen in verschiedenen, insbesondere in den wasserarmen Gegenden des Landes. Paul Apisch berichtet darüber im "Vogtländischen Jahrbuch" von 1925 in seiner historischen Studie "Verschwundene vogtländische Windmühlen". Anhand der zwischen 1847 und 1850 von Generalmajor Oberreit bearbeiteten Karte der Sektion Plauen weist er nach, daß im sächsischen Vogtland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über 30 Windmühlen in Betrieb waren. Heute steht davon nur noch eine einzige, die Syrauer Windmühle. Über das windmühlenreiche reußische Oberland machte er keine Ausführungen. Beiträge über die Geschichte der Zeulenrodaer Windmühlen besorgten Robert Hänsel (Heimblätter 1928, Nummern 10 bis 12), Otto Scharf (Heimblätter 1929, Nummern 23/24) und F. L. Schmidt in "Geschichte der Stadt Zeulenroda".

In keiner der Abhandlungen wurde die Existenz einer Windmühle in dem kleinen reußischen Dorf Pöllwitz erwähnt, und doch hat es eine gegeben. Am 7. Dezember 1835 erfahren wir durch ein Schreiben des Amtes Obergreiz an die Fürstlich Hochgräfliche Landesregierung folgendes: "Seit mehreren Jahren ist von seiten mehrerer Pöllwitzer Einwohner die Klage immer lauter geworden, daß durch die neuen Einrichtungen im Pöllwitzer Walde, wo durch Anlegen von Abzugsgräben (Entwässerungsgräben) das Regenwasser sehr zum großen Teil in den oberen Floßteich geleitet, hier bei der Schneidemühle benutzt und schnell abgelassen wird, der Franzschen Mahl- und Schneidemühl gewesenen Nachteil und den Bewohnern des Dorfes gewesener Schaden zugefügt worden, in dem die Franzsche Mühle dadurch gänzlich außer Stande gesetzt worden, das Mahl- und Schneidebedürfnis des Dorfes wie sonst befriedigen zu können, so daß es besonders in den letzten vergangenen drei Jahren dahin gekommen, daß gedachte Mühle kaum sechs Wochen im ganzen Jahr in Gang gewesen, dadurch eben das ganze Dorf in die Notwendigkeit versetzt worden sei, bis in die Elstermühlen fahren zu müssen. Um nun diesem Bedürfnis möglichst abgeholfen zu sehen, hat man in der Gemeindeversammlung den Wunsch laut werden lassen, daß doch für Pöllwitz eine Windmühle gebaut werden möge, hat auch bald einen jungen Mann namens Liebold, der die älteste Tochter der verwitweten Meyern zu heiraten gesonnen ist, gestanden, daß er sich zur Anlegung einer Windmühle bereit erklärt hat. Diesem ist jedoch der Müllermeister Franz entgegengetreten und hat erklärt, daß er selbst ein solches Werk erbauen und deswegen um die höchste Erlaubnis dazu bitten wolle. Meine Bedenken gegen das Unternehmen, daß es bei dem vom Walde ganz eingeschlossenen Dorfes an dem nötigen Wind fehlen werde, ist mir widerlegt und versichert worden, daß es nirgends mehr Zugwind als in Pöllwitz gäbe. Da das Werk sogleich nach höchster Erlaubnis begonnen werden soll, erlaube ich mir, das untertänigst Gesuch des Müllers ungesäumt vorzutragen in Erwartung hochgnädigster Genehmigung."

Schon am 25. Januar 1836 teilt das Amt Obergreiz Müller Franz mit, daß der Fürst das Gesuch der Gemeinde Pöllwitz auf zur Pöllwitzer Flur gehörigem Grund und Boden eine Windmühle zu bauen, gegen ein Concessionsquantum von 18 Reichstalern und einen jährlich zu Ostern zum ersten Mal zu entrichtenden Gewerbegeld von zwei Reichstalern genehmigt hat. Franz wird aufgefordert, binnen zwölf Tagen zum Bewilligungsbescheid eine Erklärung abzugeben.

Kurz darauf, am 8. März 1836, stirbt Müllermeister Johann Christian Gottlob Franz. Er hinterläßt den achtjährigen Sohn Gottlob Moritz und die sechsjährige Tochter Friedericke Auguste.

Am 14. April 1836 nehmen Frau Friedericke Auguste Mathilde geborene Ölsner, verwitwete Franz, sowie die Gemeindevertreter, der Amtsrichter August Hadlich und der Geschworene Michael Neupart die Bedingungen an. Die Konzession wird erteilt. Die Witwe Franz soll am 11. Mai 1836 mit den Vormündern ihrer Kinder im Amt Obergreiz erscheinen und die Urkunde gegen Erstattung der Gebühren in Empfang zu nehmen. Die Gewerbesteuer ist jährlich zu Michaelis zu entrichten, beginnend ab 1837.

Die Windmühle soll auf dem sogenannten Nicolsacker aufgestellt werden. Durch den Tod des Müllermeisters Franz wurde offenbar der Plan zum Windmühlenbau wieder fallen gelassen. Die Witwe ehelichte 1837 den Müllermeister Julius Luis Pabst und verkaufte am April 1841 den Acker mit allen Abgaben an den Dorfschulmeister Gottfried Heynig.

Die Windmühle wurde später aber doch noch gebaut. Mit Karl Gottlob Hesse (36 Jahre alt), einem Gutsbesitzer aus Waltersdorf im heutigen Kreis Greiz, kommt der spätere "Windmüller" ins Dorf. Er kauft am 7. April 1841 vom 42-jährigen Bauer Johann Ermann Bachmann sein Viertelsgut nebst Zubehörungen, welches sein Vater Georg Bachmann am 21. August 1821 erworben und vom Fürstlichen Amte im Lehen erhalten hatte. Karl Gottlob Hesse wiederum, Gutsbesitzer und inzwischen auch Windmühlenbesitzer, verkaufte am 31. Januar 1863 seinem Pflegesohn Karl August Ackermann seinen hiesigen Viertelshof an Feldern, Wiesen, Gärten, Holz, Teichen und dem vormals Franzschen Stück Wiese (Nicolsacker), Nummer 34 katastiert, samt später auf diesem Acker aufgestellten Windmühle, mit welchem er am 4. April 1857 beliehen worden war.

Über die Windmühle selbst wissen wir sehr wenig, nur soviel, was im Häuserregister für Pöllwitz vermerkt ist: Eine Windmühle in der Flur auf Parzelle 243 (das entspricht dem sogenannten Nicolsacker) als Fachwerk ausgeführt, 60 Quadratellen groß, zwei Etagen ohne Dach; später an dieser Stelle ohne Datumsangabe mit Rotstift nachgetragen "abgebrochen".

Ackermann scheint schon bald in Geldschwierigkeiten geraten zu sein, so daß es im April 1872 zur ersten öffentlichen Versteigerung von Grundstücken kam. Als Käufer tritt der Kaufmann Carl Eduard Rottler aus Saalburg auf. Die Erlöse scheinen die Geldsorgen jedoch nicht aus der Welt geschafft zu haben, denn ab März 1874 setzten erneut Grundstücksverkäufe im großen Stil ein. Rottler kauft und verkauft wieder; es sieht mehr nach Konkursverwalter aus. Jetzt wechselt auch die Windmühle ihren Besitzer. Am 10. September 1875 kauft der Bäckermeister Heinrich Franz Liebold in Pöllwitz für 3300 Reichsmark von Karl August Ackermann einen Grundstückskomplex einschließlich der Windmühle. Der Käufer ist selbst Müllergeselle, wie sein Vater Johann Heinrich Liebold, der 1835 zum Ausdruck gebracht hatte, eine Windmühle bauen zu wollen. Beide hatten auch 1863 gemeinsam eine Konzession zum Brotbacken und Verkauf sowie zum Handel mit Mehl erhalten. Für das Betreiben der Mühle war der Käufer durchaus geeignet. Und trotzdem ersehen wir aus den Akten, daß bereits im August 1879 die Windmühle nicht mehr existiert. Der genaue Zeitpunkt der Stillegung bleibt - ebenso wie der Aufbau - vorläufig noch im Dunkeln. Die Parzelle, auf der die Mühle stand, ist seit 1880 mit dem Grundstück 242 verschmolzen. Lediglich die Flurbezeichnung "An der Windmühle" und der "Windmühlenweg" als linke Begrenzung der Parzelle 242 erinnern noch daran, daß auf der höchsten Erhebung (420 Meter über dem Meeresspiegel), dort wo der Weg leicht nach links abknickt, die Pöllwitzer Windmühle stand. Die Zufahrt erfolgte damals über den Fahrweg neben dem Kriegerdenkmal und bog oberhalb der Schule nach der Weggabelung in westlicher Richtung ab. Die Mahlgäste konnten aber auch auf direkten Weg am Viertelshof vorbei - jedoch auf steilerer Anfahrt - an den Mühlenort gelangen. Die Zufahrt vom Windmühlenweg zur Mühle wurde ausdrücklich vertraglich durch die Grundstücksnachbarn Johann Michael Gneupel und Johann Erdmann Gneupel zugesichert: "in einer Breite von vier Ellen längs der Grundstücksgrenzen".

Der Viertelshof wechselte in der Folgezeit mehrfach den Besitzer: 1880 wird der Fleischermeister Friedrich Wilhelm Haas aus Dobia genannt, 1883 Johann Christian Piehler aus Berga, 1887 Johann Eduard Claus aus Pöllwitz, 1900 der Gastwirt Karl Wilhelm Gleißner, ebenfalls aus Pöllwitz, und schließlich 1908 Otto Alwin Daßler, dem seine Tochter Elisabeth Hetzer, geborene Daßler, folgte.

Vielleicht ist die Windmühle auch ein Opfer der Zeitumstände geworden. Die wirtschaftliche Entwicklung zu Beginn der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts führte zu einer allgemeinen Krise im deutschen Mühlenwesen, zumal durch die Einführung des Getreidezolls eine Überproduktion an Mehl entstanden war. Die Mühlen im Fürstentum Reuß ältere Linie waren ebenfalls betroffen.

Offenbar reichten auch in dem kleinen Bauerndorf Pöllwitz die Mahlaufträge für zwei Mühlen nicht aus. (Quelle: Thüringisches Staatsarchiv Rudolstadt, Außenstelle Greiz)


Die Veröffentlichung dieses Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Herrn Günther Schmutzler 2001.
Der Text wurde für das Internet aufbereitet von Michael Hadlich, Nürnberg, im Dezember 2001.
www.poellwitz.de